|
Bundesweiter Aufruf: ›Die Verursacher und Profiteure der Krise
blockieren‹
Frankfurter Rundschau (2010)
»Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse
der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.« Multimilliardär Warren
E. Buffet, 2005.
Klassenkrieg - das wollten die meisten nicht
hören und nicht verstehen. Aber sie bekamen es zu spüren. Wie in anderen
Ländern Europas wurden Löhne und Renten gekürzt, Leih- und Zeitarbeit
systematisiert, der Niedriglohnsektor, das Prinzip ›Armut durch Arbeit‹
ausgeweitet, Arbeitszeiten verlängert, das Leben zusammengestaucht.
Die Gewinne explodierten, die Renditen in der Wirtschaft stiegen auf 15 –
20 Prozent. In der Finanzbranche wusste man selbst dies zu steigern.
Profite von 50 bis 150 Prozent innerhalb von Minuten waren keine
Seltenheit. Es herrschte Partystimmung im Business- und
Wellness-Bereich.
Dann brachen die ersten Banken wie
Kartenhäuser zusammen, ein weltweiter Kreislaufkollaps des Kapitalismus
drohte. Die Schreihälse der ›Selbstheilungskräfte des Marktes‹
verstummten und der Staat übernahm mit mehr als 500 Milliarden Euro die
Rettung des privaten Bankensektors.
Nun werden die Billionen an
Euros, die im Euroraum zum Überleben von Banken und Konzernen eingesetzt
wurden, aus den Lohnabhängigen und Arbeitslosen herausgepresst. In fast
allen Euro-Ländern werden Schock- und Verarmungsprogramme beschlossen.
Denn zumindest die Herrschenden sind sich einig: Wir zahlen nicht für
unsere Krise, solange diejenigen stillhalten, die für uns immer bluten
müssen.
Die schwarz-gelbe Bundesregierung will den
Staatshaushalt in den nächsten drei Jahren um ca. 80 Milliarden Euro
kürzen. 37 Prozent der geplanten ›Einsparungen‹ betreffen den
Sozialbereich. Niemand braucht darüber diskutieren, ob das sozial
ausgewogen ist. Es gibt nichts mehr zu analysieren, es gibt nichts mehr
zu erklären. Hören wir also endlich auf, uns mit Klagen über soziale
Kälte und sozialem Kahlschlag heißer zu reden und folgenlose Drohungen
auszustoßen. Es ist Zeit, Taten folgen zu lassen!
Für den 12.
Juni wurde unter dem bekannten Motto ›Wir zahlen nicht für eure Krise‹
abermals zu Großdemonstrationen in Berlin und Stuttgart aufgerufen. Die
tatsächliche Mobilisierungskraft, die Zerwürfnisse innerhalb der
Bündnisse und deren Verlauf waren eher von politischer Stagnation, als
von Ermutung und greifbaren Perspektiven geprägt.
Alle wissen,
dass die Parole ›Wir zahlen nicht für eure Krise‹ längst von der
Realität überholt ist. Wenn wir mit diesem kleinsten gemeinsamen Nenner
ernst machen wollen, dann müssen wir mehr tun, als mit vielen Menschen
auf die Strasse zu gehen. Wir müssen die Richtung ändern, wir müssen die
Symbolik hinter uns lassen, wir müssen dafür sorgen, dass die Angst die
Seite wechselt. Es ist höchste Zeit, dass sich der Wind dreht, damit
das Feuer nicht länger die Hütten niederbrennt, sondern die Paläste der
Brandleger heimsucht.
Gründe gibt es mehr als genug. Und an
Aufrufen mangelt es ebenfalls nicht. Nehmen wir z.B. diesen: »Aufstand.
Jetzt! Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir? Die erste
Bürgerpflicht nach Vorlage des schwarz-gelben Spardiktats heißt:
Aufstand jetzt! (…) Es richtet sich in aller erster Linie gegen die
sozial Schwachen. Die eh am wenigsten haben, sollen am meisten
verzichten. Da mögen Merkel und Westerwelle von Fairness und Ausgleich
reden, was sie wollen. Fakt ist: Sie lügen. Und noch schlimmer: Sie
wissen das.« (FR vom 8.6.2010)
Sparen wir uns also die Zeit
ellenlanger Erklärungen. Worauf es jetzt ankommt, dieser Wut eine
Richtung, einen Ort, eine Chance zu geben – damit die Wut uns nicht
auffrisst und die individuelle Ohnmacht nicht länger unseren Alltag
bestimmt.
›Wir sind nicht länger eure Geldautomaten‹
Als
gemeinsame Aktion einer bundesweiten Kampagne schlagen wir vor, die
Zentralen von zwei ›systemischen Banken‹ der Deutschen Bank und der
Commerzbank in Frankfurt für einen Arbeitstag zu blockieren. Ziel ist
es, den Geschäftsbetrieb zu stoppen, die Business-Party für einen Tag
auf den Kopf, also auf die Füße zu stellen. Unsere Forderung ist
schlicht: Ihr zahlt die Billionen Euro, die euer Finanzkrieg gekostet
hat. Wir werden euch nicht in Ruhe lassen, wir werden wiederkommen, an
vielen Orten, zu den unpassendsten Gelegenheiten und Zeiten.
Mit
einem bundesweiten Aufruf ist weder alles gesagt, noch alles getan. Es
ist ein Anfang gemacht, ein Signal gesetzt, mit dem Ziel, dass in der
Folge in allen Städten, in jeder Woche an einem Tag eine Bank mit
›systemischen Risiko‹ belagert wird. Der Weg ist lang und offen, er
führt über Banken, über ihre Beteiligungen an Konzernen, bis hin zu den
politischen ›Beraterstäben‹, den Headquarters der Regierung.
Dazu
brauchen wir ein gemeinsames Startsignal; einen langen Atem und ein
Konzept, das möglichst vielen eine Teilnahme ermöglicht. Wir brauchen
ein Konzept, das zwischen folgenlosen, störungsfreien Demonstrationen
und Fantasien vom Aufstand oder Generalstreik einen Weg beschreibt und
beschreitet.
Wir sind überzeugt davon, dass es hier in
Deutschland weder an Analysen noch an Forderungen fehlt, die entweder
den Kapitalismus ›zügeln‹ oder aber überwinden wollen. Über die
Richtigkeit der Analysen und Forderungen wird aber nicht auf dem Papier
oder in Konferenzen entschieden, sondern in einem gesellschaftlichen
Prozess, der möglichst viele Menschen zu Handelnden macht. Gelänge es
uns, in einem großen Bündnis die Zeichen umzukehren, jenen endlich Angst
zu machen, die seit Jahren mit unserer Angst spielen und von ihr leben,
dann hätten wir noch genug Zeit, über die nächsten Schritte zu beraten
und zu entscheiden. Im Rahmen unseres Aktionskonzepts schlagen wir
folgende zentralen Forderungen vor:
• Sofortige Einführung einer
Finanztransaktionssteuer
• Besteuerung aller Vermögen über 1
Million mit 5%
• Sofortige Umsetzung der Forderung nach 500,- Euro
Hartz IV-Eckregelsatz, 10 Euro Mindestlohn und einer 30-Stunden
Arbeitswoche bei vollem Lohnausgleich
Als Aktionskonsens
schlagen wir vor, uns am Dresdner Konzept gegen den Neonaziaufmarsch im
Januar 2010 zu orientieren. Eine gute Basis, in der Entschlossenheit und
Breite, Radikalität und Masse nicht gegeneinander stehen, sondern
miteinander verzahnt werden. Ein Konzept, das für viele in Heiligendamm
2007 spürbar, in Dresden 2010 erfolgreich war und bei den angekündigten
Castor-Transporten 2010 für eine neue Qualität des Widerstands sorgen
wird.
Als Termin für eine zentrale Aktion in Frankfurt schlagen
wir euch den Herbst 2010 vor. Wir bitten euch, uns noch vor den
Sommerferien eure Zustimmung/Ablehnung zukommen zu lassen. Eine
Zustimmung, die den Weg betrifft, nicht die Details, die wir gemeinsam
besprechen müssen.
Mit dem entsprechenden Votum werden wir zu
einer Aktionskonferenz für Samstag, 11. September 2010 nach Frankfurt
einladen.
Gruppen, Organisationen, Einzelpersonen, die diesen
Aufruf unterstützen, bitten wir um eine Nachricht an folgende Adresse:
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
Auf
dass sich der Wind dreht.« (Aktionsgruppe Georg Büchner & Co. Juni
2010)
|